102.000-Euro-Coup: Verdächtiger gefasst

2015 wurde ein Drogenfahnder um ein Vermögen erleichtert. Der Fall ist wie ein Krimi. Anwälte erheben schwere Vorwürfe gegen einen Polizisten.

 

Seit Sommer läuft am Landesgericht ein Prozess gegen den 26-jährigen Albaner Oltjon B. rund um einen Heroin-Scheinankauf, der mit einer Polizeipanne geendet hatte. Bei der vermeintlichen Übergabe von sieben Kilogramm Heroin an einen verdeckten Ermittler des Innenministeriums im Dezember 2015 in Eugendorf war plötzlich ein zweiter Albaner aufgetaucht.

Diesem gelang es, dem verdeckten Ermittler zwei dicke Bündel Bargeld zu stehlen. Das war der zum Schein vereinbarte Kaufpreis von 102.000 Euro. Trotz massiver polizeilicher Überwachung des Scheinankaufs gelang es dem Täter zu flüchten.

Wie SN-Recherchen jetzt ergaben, ist der mutmaßliche Gelddieb, ein Mann namens Sokol M., allerdings kürzlich in Griechenland gefass worden. Er befindet sich dort in Auslieferungshaft und soll nach Salzburg überstellt werden.

In dem mehrmals vertagten Prozess vor einem Schöffensenat (Vorsitz: Richter Christian Hochhauser) wird Oltjon B. Drogenhandel und schwerer Diebstahl als Beteiligter angelastet. Er soll dabei laut Staatsanwalt Mathias Haidinger als Mitglied einer kriminellen Vereinigung rund um einen weiteren, angeblich nicht näher bekannten Mann namens „Toni“ gehandelt haben. Haidinger zufolge hatte ein als Vertrauensmann der Salzburger Polizei agierender Kosovo-Albaner zwischen der Tätergruppe um den besagten ,, Toni" auf der einen Seite und dem verdeckten Ermittler als vermeintlich potenter Drogenkäufer auf der anderen vermittelt. Dieser Kosovo-Albaner wird beim Landeskriminalamt (LKA) als „VP 749"geführt.

Vertrauenspersonen der Polizei

(als „VP"oder als V-Männer bezeichnet) sind Zivilisten, die oft selbst aus der kriminellen Szene kommen.

Die Rechtsanwälte Lukas Kollmann (Wien) und Kurt Jelinek (Salzburg) sind die Verteidiger von Oltjon B. Sie sagen, nicht nur die Vertrauensperson „VP 749", sondern auch ihr Führungspolizist, ein leitender Drogenfahnder beim LKA, hätten bei dem Scheingeschäft eine dubiose Rolle gespielt. Jelinek brachte inzwischen gegen den Führungspolizisten bei der Oberstaatsanwaltschaft

(OStA) Linz eine Sachverhaltsdarstellung wegen Verdachts des Amtsmissbrauchs ein. Bruno Granzer, Sprecher der OStA Linz, bestätigte das. Laut SN-Recherchen wird der leitende Salzburger Ermittler als Beschuldigter geführt.

 

Feierten Polizisten mit V-Män­nern auf einer Hochzeit im Kosovo?

 

Jelineks Nachforschungen ergaben, dass ausgerechnet die angeblich der Polizei gar nicht näher bekannte Person namens „Toni“ ebenso wie die „VP 749"auch in einem anderen großen Drogenverfahren am Landesgericht Wels als Einfädler für einen Scheinkauf von elf Kilogramm Kokain agiert haben sollen. Dieses Scheingeschäft ging im Februar auf einer Autobahnraststätte bei Mondsee über die Bühne, vier Männer wurden verhaftet.

Inzwischen hat sich laut Jelinek herausgestellt, dass der Mann namens „Toni", vom Staatsanwalt im Salzburger Prozess als Kopf einer Tätergruppe bezeichnet, tatsächlich ebenfalls als registrierter V-Mann unter der Führung des angezeigten Polizisten eingetragen ist. In Wahrheit heiße „Toni" ganz anders, er sei sogar ein Verwandter von VMann 749 und wie dieser auch erheblich vorbestraft.

Jelinek wirft dem angezeigten Drogenfahnder nun vor, von den Vermittlungstätigkeiten des „Toni "gewusst zu haben: Dieser sei sowohl im Vorfeld des Scheingeschäfts in Eugendorf eingesetzt gewesen als auch beim Scheinankauf in Mondsee. Der Führungspolizist habe dessen Beteiligung aber unbedingt verheimlichen „wollen". Der Grund dafür laut Jelinek: So sollte das Bekanntwerden einer womöglich erfolgten unzulässigen Tatprovokation verhindert werden. Die V-Männer hätten die Lieferanten nämlich gedrängt, möglichst große Mengen Drogen zu besorgen.

Der Anwalt geht noch weiter. Er ortet den Verdacht auf ein „systematisches Vorgehen bei solchen Scheindeals": So sei etwa „VP 749"seit 2008 bei 40 Scheinankäufen aktiv gewesen. Dieser habe dadurch rund 60 Personen in Haft gebracht. Als Motiv ortet Jelinek: Für die Vermittlung von Suchtgift-Scheinankäufen erhalten V-Männer mengenabhängig finanzielle Belohnungen.

Bemerkenswert ist auch, dass der Salzburger Führungspolizist und der als Scheinkäufer fungierende Ermittler des Innenministeriums sowie die zwei V-Männer laut Jelinek ein persönliches Naheverhältnis pflegten: 2014 seien alle auf der Hochzeit von VP 749 in Albanien gewesen.

Derzeit sitzen übrigens beide V-Männer in U-Haft - und zwar wegen Drogenhandels in anderem Kontext.

Der Salzburger Prozess wird am 23. Dezember fortgesetzt. Dann soll der in der Anklage als „Toni "bezeichnete Mann gehört werden.

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