Salzburger Mega-Drogenprozess offenbart Brisantes: Kronzeuge der Anklage mit Dolmetscherin liiert

Am kommenden Dienstag startet am Landesgericht ein großer Prozess gegen 14 Angeklagte wegen Handels mit zumindest 13,8 Millionen Aufputschpillen. Die Ermittlungen in dem Großverfahren offenbaren Bemerkenswertes, ein Anwalt spricht sogar von Skandal.

Der Prozess gegen 14 Angeklagte geht unter strengen Corona-Vorkehrungen im Schwurgerichtssaal des LG Salzburg über die Bühne. Bis Ende Jänner wurden 15 Verhandlungstage ausgeschrieben, so LG-Sprecher Peter Egger.

Es ist ein Suchtgiftprozess von enormer Dimension, der das Landesgericht pandemiebedingt zusätzlich (organisatorisch) fordert. Ab 14. Dezember müssen gleich 14 Angeklagte im Schwurgerichtssaal auf der Anklagebank Platz nehmen: Die elf Männer und drei Frauen sollen als Mitglieder eines zumindest 20-köpfigen internationalen Drogennetzwerks in unterschiedlicher Tatbeteiligung von Juli 2016 bis März 2021 mindestens 13,8 Millionen Stück Captagontabletten mit dem stark aufputschenden Wirkstoff Amphetamin eingeschmuggelt, hier umverpackt und zum Verkauf nach Saudi-Arabien verschickt haben. Geschätzter Verkaufswert der Pillen: Rund 40 Millionen Euro.

Die Vorsitzende Richterin des Schöffensenats schrieb bis Ende Jänner insgesamt 15 Prozesstage aus. Wegen der vielen Beteiligten müssen alle Personen vor Betreten des Verhandlungssaals einen 3G-Nachweis vorzeigen, es gilt strikte FFP2-Maskenpflicht.

Inhaltlich liest sich die Anklage der Staatsanwaltschaft Salzburg wie ein Krimi: Das mutmaßliche Netzwerk soll ein untergetauchter 60-jähriger libanesischer Drogenpate geführt und organisiert haben. Die nun angeklagten elf Männer und drei Frauen, 27 bis 54 Jahre alt, haben großteils ebenfalls libanesische bzw. arabische Wurzeln und leben in Salzburg, Oberösterreich und Tirol. Etliche sind verwandt und lebten vor ihrer Verhaftung im März im Flachgau, Pinzgau und in der Stadt Salzburg.

Konkret sollen die illegalen Pillen zuerst aus dem Libanon über den Seeweg nach Belgien geschmuggelt worden sein. In Lastwagen versteckt wurde die Droge dann laut Anklage über eine Scheinfirma nach Österreich gebracht und in einem Lokal im Flachgau umverpackt, dass heißt in extra dafür bestellten Haushaltsgeräten wie Pizzaöfen und Wäschetrocknern versteckt. Anschließend seien die Geräte mit dem Captagon nach Saudi-Arabien verschifft worden, wo es als sehr beliebtes, massenhaft konsumiertes Suchtmittel gilt. Der Umweg über Europa sei gewählt worden, weil Importe aus der EU in Saudi-Arabien viel weniger kontrolliert würden als die Wareneinfuhren aus Nahost.

Die Ermittlungen bis zum Prozessstart dauerten mehrere Jahre - und offenbaren durchaus Brisantes. Die Anklage der Staatsanwaltschaft basiert zu einem sehr gewichtigen Teil auf den Angaben eines in Salzburg lebenden Irakers. Er gilt als Kronzeuge der Anklage, er hatte selbst eingeräumt, in die Drogengeschäfte involviert gewesen zu sein und "ausgepackt" - und kam dafür im Vorfeld offenbar mit einer Diversion davon.

SN-Recherchen ergaben jedoch weiters, dass der Kronzeuge bereits seit Juni 2019 eine "innige Beziehung" just mit der Hauptdolmetscherin in dem Ermittlungsverfahren führt. Ebendiese Dolmetscherin sei bei vielen polizeilichen Vernehmungen und zur Übersetzung der Telefonüberwachungsprotokolle eingesetzt gewesen, habe aber die Beziehung zum Kronzeugen geheim gehalten. Und zuletzt gegenüber der Vorsitzenden Richterin angeblich beteuert, dass ihre Beziehung zum Kronzeugen ihre Dolmetschertätigkeit nicht beeinflusst habe. RA Kurt Jelinek, Verteidiger von vier Angeklagten, ortet darin einen "Skandal": Die Dolmetscherin sei als Lebensgefährtin des Kronzeugen "jedenfalls als befangen zu beurteilen".

 

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