Verteidiger im Salzburger Captagon-Prozess: "Causa ist ein Desaster für die Polizei und Staatsanwaltschaft"

Prozessbeginn am Landesgericht Salzburg gegen 14 Angeklagte wegen Schmuggels und Verkaufs von zumindest 13,8 Millionen Stück Aufputschpillen. Die Verteidiger orten keinerlei objektive Beweise und eine befangene Übersetzerin.

Eine Anklage, die "von Fantasie getragen" sei; ein Ermittlungsverfahren, das "ein Desaster für die Polizei und die Staatsanwaltschaft" darstelle und "Skandalöses" offenbare; eine "Verfahrensoptik, die verheerend" sei: - Mit drastischen Worten taten etliche Verteidiger am Dienstag am Landesgericht zum Auftakt im sogenannten Captagon-Prozess gegen insgesamt 14 Angeklagte kund, was sie von den Vorwürfen gegen ihre Mandanten und den dahinter stehenden Ermittlungen halten.

In ihrer 40-seitigen Anklage lastet Staatsanwältin Sandra Lemmermayer den 13 im Schwurgerichtssaal sitzenden Angeklagten - der einzige nicht in U-Haft befindliche Angeklagte kam nicht - Drogenhandel von enormer Dimension an. Demnach sollen sie als Mitglieder einer kriminellen Organisation bzw. gut 20-köpfigen internationalen Tätergruppe von Juni 2016 bis März 2021 zumindest 13,8 Millionen Stück Captagonpillen aus dem Libanon eingeschmuggelt, im Flachgau umverpackt und zum gewinnbringenden Verkauf nach Saudi-Arabien verschickt haben.

Der Deal mit der Terrordroge Captagon

Captagon (Wirkstoff: Amphetamin) gilt in arabischen Ländern als sehr beliebte, stark aufputschende Droge, die nicht nur Privatpersonen, sondern auch Soldaten oder IS-Kämpfer massiv konsumieren. In Deutschland bezeichnet man Captagon als "Dschihadistendroge". Bei den Angeklagten handelt es sich um elf Männer und drei Frauen im Alter von 27 bis 54 - die meisten haben libanesische bzw. arabische Wurzeln, viele sind miteinander verwandt und leben in Salzburg, Tirol und Oberösterreich. Sechs sind Österreicher, drei sind Syrer, je einer kommt aus dem Libanon, Belgien, Türkei, Deutschland und Ungarn.

"Die Gruppe war äußerst professionell organisiert. Kopf der Bande ist ein 60-jähriger, weltweit gesuchter libanesischer Drogenpate, er dürfte sich in der Türkei aufhalten", so die Staatsanwältin vor dem Schöffensenat (Vorsitz: Richterin Victoria Winkler). Als "Österreich-Chef" der Gruppe firmierte laut Lemmermayer der zuletzt im Pinzgau als Hotelier tätige 54-jährige Erstangeklagte (Verteidiger: Andreas Reischl); er war demnach für Vertrieb, Lagerung und Umpackung der "Ware" zuständig. Der Anklägerin zufolge wurde das Captagon erst aus dem Libanon per Seeweg nach Belgien geschmuggelt und auf dem Landweg mittels Lkw über eine dänische Scheinfirma nach Österreich gebracht. Zwischengelagert im Innviertel gelangten die Pillen dann in ein Lokal im Flachgau, betrieben vom 28-jährigen Zweitangeklagten (Verteidiger: Kurt Jelinek). Der 28-Jährige ist der Sohn vom Erstangeklagten. Lemmermayer: "Im Lokal wurde das Captagon in Pizzaöfen und Wäschetrockner eingebaut. Dann wurden die Geräte mit den versteckten Drogen nach Saudi-Arabien verschifft und die Pillen dort mit exorbitantem Gewinn verkauft."

Brisant ist jedoch, was nach den mehrjährigen, aufwändigen Ermittlungen in der Causa kürzlich ans Tageslicht kam und die Verteidiger empört: Die Anklage basiert zu einem Großteil auf den Aussagen eines 40-jährigen Irakers; er gilt als Kronzeuge der Staatsanwaltschaft, war ebenfalls Beschuldigter und belastet(e) die Angeklagten massiv. Ebendieser Hauptbelastungszeuge ist schon seit 2019 ausgerechnet mit der Hauptdolmetscherin in dem Verfahren liiert; diese gab zuletzt zu, die Beziehung geheim gehalten zu haben, weil es sich um eine "private Angelegenheit" handle. Die Verteidiger, etwa Kurt Jelinek, Leopold Hirsch oder Bernhard Kettl, sehen das ganz anders: Dies sei eine klare Befangenheit, geradezu "ein Skandal".

In der Causa seien allein 200.000 (!) überwiegend in arabischer Sprache geführte Telefonate der Angeklagten abgehört worden - und diese Telefonate habe zum Großteil die besagte, nicht gerichtlich zertifizierte Dolmetscherin übersetzt. Die Anwälte betonten, "dass eine Neuübersetzung aller Übersetzungen, an denen diese Dolmetscherin beteiligt war, zwingend erforderlich" sei. Die besagte Übersetzerin wurde inzwischen von der Justiz aus der Hausdolmetscherliste gestrichen. Abgesehen davon betonten die Verteidiger, dass nicht eine Captagonpille sichergestellt und nicht ein Abnehmer ermittelt worden sei. - Der Prozess wird Mittwoch fortgesetzt.

 

 

 

 

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